Mein Projekt: Schaufenster der Philatelie

von Sebastian Felderer – Schlanders

Durch meine langjährige Arbeit mit der Jugend und auch als Aussteller habe ich das klassische Ausstellungswesen zur Genüge studiert und kennen gelernt. Es hat seine Berechtigung als Leistungsschau und Veranstaltung für Philatelisten und Spezialisten. Wer dabei zu kurz kommt und kläglich vernachlässigt wird, ist der Zuschauer, der Besucher, der Laie, sicher auch teilweise die Jugend.

Ich kenne die Bestimmungen, das Regelwerk, die Vorschriften, die Einschränkungen bei Erstellen eines Exponates. Ich kenne die Hallen mit 400 Rahmen und mehr. Ich weiß Bescheid über Juroren und überforderte Spezialisten bei der Bewertung. Ich kenne auch die orientierungslosen und überforderten Besucher, die nach fünf Rahmen die Kehrtwende machen und enttäuscht die Veranstaltung verlassen. Ich bin auch informiert, über die Schwierigkeiten der Veranstalter, eine Ausstellung überhaupt finanziell und organisatorisch über die Runden zu bringen. Es ist in letzter Zeit ein Weg eingeschlagen worden, der auf virtueller Basis und Unterstützung eine Erleichterung schaffen sollte, sei es für Aussteller, für die Jury, als auch für die Veranstalter. Sicher ein begehbarer Weg, sofern der harte Kern des klassischen Ausstellungswesens ein Einsehen hat und die nötigen Veränderungen zulässt.

Dies alles hat mich eine grundlegende Überlegung machen lassen, bevor ich begann, meine Sammlungen in Exponate aufzuarbeiten. Ein ganz anderer Weg sollte es sein. Weg von den strengen Vorschriften, weg von Bewertungen, weg von der Masse, hin zum Laien, dem eigentlichen Akteur in der ganzen Geschichte.
Wenn der Laie nicht unbedingt zur Masse der Besucher von Ausstellungen zählt, dann hat dies seinen berechtigten Grund. Es fehlt ihm einerseits die Motivation und andererseits fühlt er sich bald bestätigt in seiner Überzeugung: Nichts für mich !

Also habe ich mein Ausstellungsprojekt auf vier Säulen gestellt:

Säule 1: Freiheit beim Exponat-Aufbau

Das Exponat soll sich an die traditionelle Form der 12 Blätter pro Rahmen halten, philatelistisch exakt beschrieben sein und auch bei der Materialauswahl sich an philatelistische Grundsätze halten. Eine Aufmachung gemäß „Offener Klasse“ sollte aber als Standardmöglichkeit angesehen werden.

Säule 2: Der Ausstellungsort

Wenn die Leute nicht in die Ausstellung kommen, dann soll die Ausstellung zu den Leuten gehen. Nach diesem Grundsatz werden Ausstellungsmöglichkeiten angepeilt, fern von großen Hallen, aber dort, wo Menschen sich versammeln. Mein Projekt ist im Eingangsbereich der öffentlichen Bibliothek gestartet und der Erfolg bestätigt die richtige Wahl. Die Leute gehen nicht in die Ausstellung, sondern in die Bibliothek. Dadurch kommen sie aber in den Kontakt mit der Ausstellung und entscheiden frei, ob sie sich diese anschauen wollen oder nicht. Durch meine Anwesenheit bietet sich die Möglichkeit für Gespräche, Informationen oder sogar für eine Führung.

Säule 3: Die Gestaltung der Ausstellung

Das Ausstellungsangebot darf den Besucher nicht überfordern. Es muss überschaubar sein, thematisch abgegrenzt und fokussiert auf maximal zwei Themen. Meine Standard-Rahmenanzahl sind acht Rahmen, maximal 16. Dadurch fällt es dem Besucher wesentlich leichter, sich auf eine Betrachtung des Themas einzulassen. Die Besichtigungsdauer ist zeitlich begrenzt, abschätzbar, somit passt sich der nicht geplante Besuch besser der Situation des Besuchers an.
Die Vielfalt des Angebotes wird nicht durch Anhäufung von unendlichen Rahmenzeilen erreicht, sondern durch die Frequenz der Ausstellungen. Zweimal jährlich, etwa Frühjahr und Herbst, oder jährlich zu einem bestimmten Anlass, führt auf die Dauer zu einem übersichtlicheren Angebot, als wenn hunderte von Themen in einer einzigen Veranstaltung, die aber nur alle fünf Jahre stattfindet, angeboten werden.
Was natürlich wegfällt, das ist der Wettbewerb und die Bewertung, mit Ausnahme der Publikumswertung, welche auch in einer solchen Ausstellungsform möglich ist. Zielführender ist jedoch ein Gästebuch, welches durch die Kommentare dann für den Aussteller viel aufschlussreicher ist, als jede Bewertung.

Säule 4: Die Führungen durch den Aussteller

Ein wesentlicher Bestandteil dieses Ausstellungskonzeptes sind die Führungen durch den Aussteller. Als Rentner fällt es mir persönlich natürlich leicht, während der Ausstellungszeit ständig oder großteils anwesend zu sein. Führungen lassen sich aber auch organisieren, indem fixe Termine angegeben werden.
Selbst ein gut beschriftetes Exponat wird durch die Führung leichter erfassbar, erspart dem Besucher längere Lesezeiten und geben dem Aussteller auch die Möglichkeit, zusätzliche Informationen und Kommentare einfließen zu lassen.
Mir ist aufgefallen, dass ich, seitdem ich bei meinen Exponaten führe, bei der Gestaltung zukünftiger Exponate häufig an die Führung denke und diesen Einfluss auf das Exponat wirken lasse. Die Erkenntnis zum Beispiel, Texte und Beschreibungen möglichst kurz zu halten, weil der Besucher eben nicht so gerne liest, sondern lieber schaut, beeinflusst die Exponat-Gestaltung. Gleichzeitig aber wird die Notwendigkeit einer Führung offensichtlich, wenn nicht sogar unbedingt erforderlich.

Das Erlebnis, auf eine solche Weise ein Exponat kennen zu lernen, ist für den Besucher sehr angenehm und wirkt einladend, wenn nicht sogar verlockend. Doch auch für den Aussteller bedeutet der persönliche Kontakt zum Besucher einen Mehrwert an Genugtuung, eine bessere Möglichkeit zur Kommunikation über das dargestellte Thema und ist ein direktes Erfolgserlebnis. Auch das Annehmen von Kritik und die Möglichkeit zur Verbesserung ist gegeben. Damit ist ein wesentlicher Zweck im Dialog zwischen Aussteller und Besucher erreicht, der besonders der Philatelie gut tut.

Schlussfolgerung:

Wer also in seiner Tätigkeit als Aussteller sich lieber mit dem Besucher, dem Laien, dem Jugendlichen auseinandersetzt, als mit Juroren und Spezialisten, der wird in meinem Ausstellungskonzept das finden, was ihm mindestens gleichviel Genugtuung, Freude und Anerkennung schenkt. Im Sinne einer ständigen Bemühung zur Verbreitung der Philatelie hat dieser Aussteller ganz sicher die Nase vorne. Damit will ich aber keineswegs sagen, dass die traditionelle Ausstellungsform überholt oder minderwertig wäre. Sie orientiert sich lediglich an anderen Wertmaßstäben und verfolgt andere Ziele. Jede Weltausstellung braucht ihre Spezialisten. Diese werden sich, bewertet von Experten, dafür klassifizieren müssen und es braucht also auch diesen Weg, parallel zu dem von mir dargestellten. Vielleicht könnte der Vergleich mit dem Breiten- und Spitzensport ein anschauliches Beispiel für die Differenzierung sein.

Schlanders, den 6. September 2015